Jedes Leben besteht aus einer Vielzahl an Geschichten, die sich zu einem Gesamtbild zusammensetzen, allerdings zu einem, das voller Leerstellen und Brüche ist. Daher mag ich den Vergleich mit einem Mosaik. Jedes einzelne Bruchstück ist ein wichtiger Teile eines großen Ganzen, das zwar einen Sinnzusammenhang darstellt, aber nicht ohne Lücken und dunkle Flecken bleibt. So ist es auch mit den Geschichten, die ein Menschenleben erzählen. Ganz gleich, ob man versucht, seine eigene Geschichte oder die eines anderen zu schreiben, es wird immer nur eine Annäherung sein, niemals eine vollständige, von jeglichen Verzerrungen befreite Darstellung der Realität. Die menschliche Erinnerung ist oft unzuverlässig, der Blick von außen durch Interpretationen und Projektionen verzerrt. Die verschiedensten psychologischen Effekte spielen mit hinein, wenn es darum geht, welche Geschichten jemand über sich selbst und seine Mitmenschen erzählt.

Der unzuverlässige Erzähler existiert nicht nur in der Fiktion

Den Begriff des unzuverlässigen Erzählers kennen manche vielleicht aus der Erzähltheorie. Während der zuverlässige Erzähler die Ereignisse so darstellt, wie sie innerhalb der fiktionalen Realität der Geschichte tatsächlich stattgefunden haben, führt sein fiktionales Pendant den Leser in die Irre und lässt ihn infrage stellen, was der Wahrheit entspricht und was verzerrt dargestellt oder gar gelogen ist. Im Roman „Ich. Darf. Nicht. Schlafen.“ leidet die Protagonistin nach einem Unfall unter Gedächtnisverlust. Zu den Ereignissen gibt es zwei unterschiedliche Geschichten, die ihres Ehemanns und die ihres Neurologen. Somit macht hier bereits die Grundkonstellation deutlich: Hier gibt es einen unzuverlässigen Erzähler, denn bei zwei unterschiedlichen Schilderungen desselben Ereignisses können nicht beide der Wahrheit entsprechen. Vor allem im Thriller-Genre ist der unzuverlässige Erzähler beliebt.

Es gibt ihn aber nicht nur im Reich der Fiktion, sondern auch in der realen Welt, und zwar innerhalb der menschlichen Erinnerung. Auf Sueddeutsche.de gibt es dazu einen sehr interessanten Artikel. Darin geht es unter anderem um eine Frau, die sich daran erinnert, wie ihr Vater ihr aus einem bestimmten Buch vorgelesen hat – was jedoch nicht stimmen kann, da es erst nach dessen Tod erschien. Ein weiteres Beispiel: Auf dasgehirn.info berichtet eine Professorin für Psychologie von einer Studie, in der den Teilnehmern Stichwörter zu Geschehnissen aus ihrer Kindheit gegeben wurden, von denen sich jedoch nicht alle wirklich ereignet haben, eines davon war erfunden. Dennoch haben viele Probanden bei einem späteren Gespräch vermeintliche Erinnerungen an das falsche Ereignis geäußert. 

Menschliche Erinnerungen sind also nicht unbedingt eine Faktensammlung, in der höchstens hier und da ein paar vergessene Notizen fehlen. Die Autobiographie, die sich im eigenen Kopf abspielt, ist eher eine Art Erinnerungsfilm unter der Regie eines unzuverlässigen Erzählers, der Tatsachen mit Interpretationen und Verzerrungen vermischt, um alles zu einer Geschichte zusammenzufügen, die zwar in der Realität verankert ist, diese aber nicht adäquat darstellt. 

Da der Erzähler der Erinnerungsgeschichte still im Unterbewusstsein arbeitet, wird einem nur selten bewusst, wo er eingreift. Ab und an fällt es einem vielleicht auf, wenn man sich mit anderen Personen über ein Ereignis unterhält und dabei feststellt, dass sich jeder der Beteiligten ein wenig anders daran erinnert. Ein reales Beispiel fällt mir dazu spontan nicht ein, doch in der wunderbaren Fernsehserie „This is us“ wird in der 12. Episode der 3. Staffel (Songbird Road – Teil 2) mit dieser Thematik gespielt. Die beiden Geschwister Randall und Kate erinnern sich auf sehr unterschiedliche Weise an denselben Tag. Achtung, Spoiler: Es stellt sich heraus, dass beide sich selektiv erinnern. Kate, die ihren Vater verehrt, verdrängt dessen schroffes Verhalten zu Beginn und konzentriert sich auf die positive Wendung, nämlich die abschließende Glitzerschlacht. In Randalls Erinnerung ist der vorausgehende Konflikt hingegen deutlich präsenter. Erst wenn man die Erinnerungen der beiden zusammenfügt, ergeben sie ein vollständiges Bild. So ähnlich dürfte das auch im realen Leben beim Schreiben der inneren Autobiographie geschehen.

Erinnerungen sind Geschichten. In unseren Köpfen und in unserem Unterbewusstsein sind wir alle ein Stück weit Autoren oder Regisseure, auch wenn uns das oft nicht bewusst ist. Wir schneiden, wir stellen die Kamera scharf oder wenden den Weichzeichner an, wir deuten und sortieren, um Ordnung in das Chaos der Mosaiksteinchen unseres Lebens zu bringen und daraus ein mehr oder minder stimmiges Bild zu basteln. Der Gedanke hat einerseits etwas Beunruhigendes, weil wir unseren eigenen Erinnerungen nicht ohne jeden Vorbehalt trauen können. Zugleich liegt aber auch etwas Tröstliches darin, denn es bedeutet auch, dass wir von manchem durchwachsen Tag nur den schönen Abschluss in uns bewahren, während die Ärgernisse zuvor verblassen und schließlich ganz aus der Geschichte verschwinden.