Diesen Jahresrückblick widme ich den Geschichten, die ich in den vergangenen 12 Monaten für mich entdeckt oder wiederentdeckt habe oder die 2020 ihren Abschluss gefunden haben. Dabei zählt nicht das Veröffentlichungsdatum, sondern der Zeitpunkt, zu dem ich mich damit befasst habe. Es können also auch ältere Werke mit dabei sein.

Serien – Helden und Schurken, eine Großstadt, düstere Zukunftszenarien und jede Menge Musik

Serien bieten viel Raum für Charakterentwicklung, da sie sich mehr Zeit lassen können als ein Film. Außerdem beschäftigen sie mich eine Weile, denn ich bin ehrlich: Ich tue mich oft schwer beim Entscheidungsprozess, wenn ich mir einen gemütlichen Tag auf der Couch machen möchte. Bei einem Film stehe ich zwei Stunden später wieder vor demselben Problem, eine Serie beschäftigt mich dann schon etwas länger. Kommen wir nun zu den Serien, die mich dieses Jahr besonders begeistert haben:

Gotham – Eine Lieblingsserie geht zu Ende

Dass die Geschichten rund um Batman angetan haben, steht bereits in meinem Artikel „Die Faszination des dunklen Ritters„. Zu Beginn der Serie ist Bruce Wayne allerdings noch weit entfernt davon, der Held im Fledermauskostüm zu sein, denn die Handlung setzt bei der Ermordung seiner Eltern ein. Er ist hier auch nicht die Hauptfigur, im Mittelpunkt steht stattdessen Jim Gordon, der noch am Anfang seiner Karriere beim Gotham City Police Department steht. Außerdem erzählt „Gotham“ vom Werdegang vieler bekannter Schurken. Manche davon sind von Anfang an mit dabei, wie etwa Oswald Copplepot, besser bekannt als Pinguin, oder auch Ed Nigma aka der Riddler und die spätere Catwoman Selina Kyle, andere werden erst später eingeführt. Dabei erlaubt sich die Serie einige Freiheiten, anstatt sich strikt an einer bestimmten Comicvorlage zu orientieren. Das macht sie für mich besonders interessant, denn für mich ist es ungemein spannend, verschiedene Interpretationen derselben Figur zu sehen und so vielleicht selbst zu neuen Blickwinkeln zu gelangen.

Dieses Jahr lief bei Netflix die finale Staffel, somit habe ich mich vorerst von „Gotham“ verabschiedet, bin mir aber ziemlich sicher, dass ich die Serie noch einmal anschauen werde.

Berlin, Berlin – Ein Wiedersehen mit Spaßfaktor

„Berlin, Berlin“ war für mich ein Pflichttermin im Fernsehen, als die Serie 2002 in der ARD anlief. Sie dreht sich um das Landei Lolle, die aus dem beschaulichen Malente nach Berlin zieht und dort in einer WG mit ihrem Cousin Sven und der quierligen Schauspielerin Rosalie lebt. Das Besondere dabei ist, dass die Schauspielszenen immer wieder von kleinen Comic-Clips durchbrochen werden, die Lolles Gemütslage widerspiegeln. Sie schrumpft und krabbelt unter den Teppich, rennt gegen Wände oder flattert mit Herzaugen engelsgleich umher, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Vor allem aber stolpert sie von einer seltsamen Liebesgeschichte in die andere. Das alles ist herrlich überspitzt und macht einfach nur Spaß, sogar in den letzten Staffeln, auch wenn ich die etwas schwächer als die ersten beiden fand. Als dieses Jahr dann der Spielfilm zur Serie auf Netflix erschien, habe ich spontan beschlossen, „Berlin, Berlin“ noch einmal von Anfang an zu schauen. Es war ein schönes Wiedersehen. Der Film ist hingegen verzichtbar. Es gibt zwei, drei nette Szenen, ansonsten verpasst man aber nichts, wenn man ihn nicht gesehen hat. Ich war aber ohnehin skeptisch, denn schon die Grundidee sprach mich nicht sonderlich an, und ich bin froh, dass ich kein Geld für den Kinobesuch ausgegeben habe. Die Serie hingegen gehört weiterhin zu meinen absoluten Lieblingen.

Years and Years – Dystopie in Serie

Die Miniserie „Years and Years“ zeichnet ein auf mehreren Ebenen düsteres Zukunftsszenario, in dessen Mittelpunkt die Familie Lyons steht, deren Mitglieder auf sehr unterschiedliche Weisen von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen betroffen sind. Da wäre zum Beispiel Daniel, der bei seiner Arbeit in einem Flüchtlingscamp auf den vor Folter geflohenen Flüchtling Viktor trifft und sich in ihm verliebt. Die Beziehung der beiden steht somit von Anfang im Spannungsfeld der Flüchtlingspolitik, die nicht zuletzt von der Populistin Vivienne Rook, die mit ihrer 4-Sterne-Partei zunehmend an Einfluss gewinnt. Seine Schwester Edith ist Aktivistin und befindet sich in der ersten Folge gefährlich nahe an Schauplatz eines nuklearen Angriffs. Bethany ist begeistert von implantierbarer Technologie und davon träumt, ihr Bewusstsein in eine Cloud hochzuladen.

Die sechs Folgen umfassende Handlung beginnt im Jahr 2019 und endet 2034. Dabei spitzen sich die Ereignisse immer mehr zu. Das ist vor allem deshalb beängstigend, da viele der Entwicklungen, die „Years and Years“ zeichnet, beunruhigend nah an der Realität sind.

Das Damengambit – Willkommen in der Welt des Schachs

Die Waise Beth Harmon beobachtet den Hausmeister des Waisenhauses beim Schachspiel und ist fasziniert davon. Sie will es unbedingt lernen und entwickelt dabei ein erstaunliches Talent. Dabei nimmt sie auch gerne die Beruhigungsmittl zur Hilfe, mit denen die Kinder im Heim ruhiggestellt werden – eine Sucht, die ihr Leben ebenso prägt wie das Spiel, dem sie sich fortan voll und ganz verschreibt. Bald nimmt sie an Turnieren teil, mit immer größer werdendem Erfolg. Dabei muss sie sich nicht nur in einer Männerdomäne behaupten, sondern auch mit persönlichen Problemen und Rückschlägen kämpfen.
Die sieben Folgen umfassende Miniserie ist atmosphärisch, spannend erzählt und bietet eine interessante Hauptfigur, die nicht nur Schachbegeisterte in ihren Bann ziehen dürfte.

Zoey’s Extraordinary Playlist – Neues Serienfutter für den Gleek in mir 

Nach einem Unfall in einem MRT hört Zoey plötzlich die tiefsten Gefühle ihrer Mitmenschen, und zwar in Songs, die deren Gemütslage ausdrücken. Das führt zu allerlei amüsanten Situationen, aber auch zu tragischen und berührenden Momenten. Wenn Zoey endlich wieder eine Möglichkeit findet, mit ihrem Vater zu kommunizieren, der sich aufgrund einer Nervenkrankheit so gut wie gar nicht mehr bewegen und nicht mehr sprechen kann, ist das ungemein bewegend. Zugleich kann die Serie auch ungemein komisch sein. „Zoey’s Extraordinary Playlist“ findet stets ein gutes Gleichgewicht zwischen Humor und Ernst. Die Serie hat mich zum Lachen gebracht und zu Tränen gerührt. Nach der ersten Staffel sägt sie für mich bereits am Thron von „Glee“, meiner bisher liebsten Musicalserie. Gut, dass es eine zweite Staffel geben wird, ich warte schon jetzt sehnsüchtig darauf!

Filme – Nur eine einsame kleine Seele

Was Filme angeht, habe ich dieses Jahr leider kaum etwas geschaut, das mir in Erinnerung geblieben wäre, daher fällt der Jahresrückblick hier sehr kurz aus und umfasst nur einen Film, den ich erst gestern geschaut habe:

Soul – Pixars Geschichte über das Leben und die Zeit davor

Joe Gardner liebt Jazz über alles und ist daher nicht sehr glücklich mit seinem Job als Musiklehrer, insbesondere da sich die meisten Schüler kaum für seinen Unterricht interessieren, mit einer Ausnahme. Doch dann bietet sich ihm die Chance, mit einer berühmten Sängerin aufzutreten. Kurz vor dem Erreichen seiner Träume stürzt er in einen Kanalschacht und stirbt. Er befindet sich auf dem Weg ins Jenseits, will das aber nicht akzeptieren und rennt davon. Dabei landet er im Vorseits, wo Seelen auf ihre Reise ins Leben auf der Erde vorbereitet werden. Nachdem er sich als jemand anderes ausgibt, wird er Mentor der Seele Nummer 22, die sich partout weigert, das Vorseits zu verlassen und ins Leben zu treten. Selbst namhafte Persönlichkeiten wie Mutter Theresa oder Gandhi konnten Seele 22 keinen Lebensfunken spenden.

Der Film hat viel Herz und, wie der Titel schon sagt, Seele. Er hat mich ebenso sehr begeistert wie „Alles steht Kopf“ und wirkt insgesamt etwas erwachsener als die meisten anderen Pixar-Filme. Natürlich ist er kindgerecht, aber er ist eher ein Erwachsenenfilm, den auch Kinder schauen können als ein Kinderfilm, der auch Erwachsenen Freude macht.

Spiele – Ein Erlebnis mit überraschendem Ausgang

Ein Spiel hat mich in diesem Jahr wirklich gepackt. Es ist zwar schon etwas älter, aber ich kam erst vor ein paar Monaten dazu, es wirklich durchzuspielen, nur um mich dann zu fragen: Warum habe ich damit so lange gewartet?

Bear With Me – Ein düster-humoriges Abenteuer mit einem Teddybär

Amber, ein 10-jähriges Mädchen, macht sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Bruder. Unterstützung bekommt sie dabei von ihrem plüschigen Freund Ted I. Bear, einem zynischen Privatdetektiv, der eigentlich in Rente ist, sich dann aber doch überzeugen lässt, diesen Fall gemeinsam mit Amber zu lösen. Dabei weisen die Spuren zunehmend auf den unheimlichen Brandstifter „Red Man“ hin. Wer ist er und warum ist er auf der Suche nach Amber?

Das Adventure-Game erzählt eine faszinierende Geschichte mit düsterer Grundstimmung und schwarzem Humor. Bis auf den „Red Man“ sind alle Figuren und Kulissen in Schwarz-Weiß gehalten, eine Anspielung an das Genre des Film Noir. Die Rätsel sind nicht sonderlich schwierig, aber das kam mir gerade recht, denn für mich steht bei Spielen die Geschichte im Vordergrund, und die ist hier richtig gut. Die dritte und letzte Staffel brachte dabei eine Auflösung mit sich, die ich nicht erwartet hätte. Sehr bewegend, tolles Spiel!

Bücher – Eine Neubewertung, Todbringer und eine Sekte

Das Lesejahr begann eher durchwachsen und insgesamt waren zwar einige Bücher dabei, die mir gut gefallen haben, aber wenige, die einen Platz in meinem Bücherschrank bekommen haben. Dort bewahre ich nur die Bücher auf, die ich noch einmal lesen möchte, er ist also für meine Lieblinge vorbehalten.

Die Tribute von Panem – Begeisterung erst im zweiten Anlauf

Als ich „Die Tribute von Panem“ vor Jahren zum ersten Mal las, hat mich die Erzählperspektive gestört. Ich und Gegenwart, das mochte ich lange nicht, mehr noch, ich hatte eine intensive Abneigung dagegen. Entsprechend schwer habe ich mich mit den Büchern getan und habe sie nur zu Ende gelesen, weil sie mir empfohlen wurden. Die Geschichte mochte ich durchaus, die Erzählform aber nicht. Inzwischen ist diese Aversion aber Geschichte, daher habe ich mich dieses Jahr erneut an den Büchern von Suzanne Collins versucht, und es war ein Unterschied wie Tag und Nacht!

Im zweiten Anlauf war ich wirklich begeistert von der Geschichte rund um Katniss Everdeen, die den Platz ihrer Schwester einnimmt, die ausgelost wird, um in einer Arena bis auf den Tod gegen andere Jugendliche zu kämpfen, bis nur noch einer überlebt. Diese sogenannten Hungerspiele finden jährlich statt, in Erinnerung an die Rebellion der Distrikte Panems gegen das übermächtige und wohlhabende Kapitol unter der Leitung von Präsident Snow. Es kommt selten vor, dass ich einem Buch eine zweite Chance geben und noch seltener, dass mein Eindruck dann ein völlig anderer ist, hier war es der Fall.

Scythe – Was wäre, wenn die Menschen nicht mehr sterben würden?

Neal Shusterman zeichnet in seiner „Scythe“-Trilogie ein Zukunftsszenario, in dem die Menschheit Krankheit und Alter besiegt hat. Theoretisch könnten alle ewig leben – nur würde die Erde dann irgendwann aus allen Nähten platzen. Deshalb gibt es die Scythe, deren Aufgabe es ist, Menschen zu töten, wofür allerdings der weniger abschreckende Begriff „nachlesen“ verwendet wird. Dabei sind sie an bestimmte Vorgaben gebunden. Das erste Buch begleitet die Scythe-Lehrlinge Citra und Rowan, von denen nur einer nach der Ausbildung zum Scythe ernannt werden wird. In den weiteren Bänden spielt auch der Thunderhead eine wichtige Rolle, eine künstliche Intelligenz, die als eine Art Weltregierung fungiert und dafür sorgt, dass jeder alles hat, was er benötigt.  Die Macht des Thunderhead hat allerdings ihre Grenzen, denn er darf sich in nichts einmischen, das die Scythe betrifft.

Besonders spannend fand ich bei Scythe, dass die Trilogie utopische und dystopische Elemente miteinander vereint, denn im Grunde geht es den Menschen ziemlich gut unter der Regentschaft des Thunderhead. Niemand muss hungern oder unter körperlichen und seelischen Krankheiten leiden. Die Gefahr zu sterben ist trotz der Scythe weitaus geringer als in der Zeit des natürlichen Todes. Der Thunderhead sorgt für alle und lässt ihnen doch ihre Freiheiten, er ist kein Tyrann, wie es sonst so viele Herrscher in Büchern rund um Zukunftsvisionen sind. Dennoch ist das Buch von der Tonalität her eher dystopsich angehaucht, denn im Mittelpunkt stehen die Scythe selbst, die sich zunehmend in zwei Lager spalten. Viele Regeln der Scythe werden infrage gestellt, wie etwa jene, dass nur die berufen werden sollten, die keine Freude am Töten haben, denn was wären mordlüstige Scythe anderes als Monster?

Der letzte Band hat sich zwar etwas gezogen, ich fand ihn aber trotzdem sehr gut. Insgesamt hat mich die Trilogie sehr begeistert. Manche beschreiben den Stil als emotionslos, das habe ich aber anders empfunden – ein Phänomen, das mir übrigens schon bei anderen Büchern aufgefallen ist. Oft war ich gerade bei den Büchern emotional voll dabei, von denen andere schreiben, es würde ihnen an Gefühl mangeln. 

After the Fire – Mein Jahreshighlight

Das Thema Sekten interessiert mich schon lange. Mich faszinieren die Mechanismen solcher geschlossenen Glaubenssysteme. Daher hat mich „After the Fire“ sofort angesprochen. Will Hill erzählt darin die Geschichte der 17-jährigen Moonbeam, die nach dem namensgebenden Feuer in einer Jugendpsychiatrie untergebracht ist. Der Brand brach bei einem Polizeizugriff auf das abgeschottete Areal einer Sekte aus. In den Kapiteln mit der Überschrift „Davor“ erzählt Moonbeam von ihrem Leben bei der „Legion Gottes“, jene mit der Überschrift „Danach“ zeigen, wie sie versucht, das Geschehene einzuordnen. Warum ist sie auf einer geschlossenen Abteilung? Wem kann sie trauen – der Stimme von Father John in ihrem Kopf oder doch eher dem Psychiater und dem Polizisten, die mit ihr reden und ihr sagen, dass sie ihr helfen wollen?

Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, das mich so sehr fasziniert, gefesselt und beeindruckt hat wie „After the Fire“. Dabei wäre es fast an mir vorbeigegangen, da ich selten in der Jugendbuch-Abteilung stöbere, schließlich werde ich im kommenden Oktober 40 und bin dem Jugendalter somit längst entwachsen. Gut, dass ich dann doch noch darauf aufmerksam wurde, denn hätte ich es nicht gelesen, wäre mir wirklich etwas entgangen!

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Das war er nun, mein Rückblick auf die Geschichten, die mich im Jahr 2020 berührt, bewegt und begeistert haben und die mir in guter Erinnerung geblieben sind. Welche davon kennt Ihr, welche mögt Ihr? Was waren Eure Highlights? Ich freue mich auf Eure Kommentare 🙂