Ich liebe gute Geschichten, und zwar unabhängig davon, in welchem Medium sie erzählt werden. Damit wäre das Wesentliche im Grunde schon gesagt, oder besser geschrieben ;-). Leider fallen mir in den sozialen Medien immer wieder Posts auf, die versuchen, das eine Medium gegen ein anderes auszuspielen, oft verbunden mit einer entsprechenden Bewertung der Konsumenten. Das finde ich sehr schade, zumal es sowohl in Büchern als auch in Filmen und Serien oder Spielen gute und schlechte Geschichten gibt. Dabei hat jedes Medium seine eigenen Vorzüge und Einschränkungen. Daher befasse ich mich hier nun etwas näher mit den unterschiedlichen Wegen, auf denen eine Geschichte in den Kopf gelangt, und zwar ohne eine Wertung vorzunehmen.

Bücher – Aus Worten entstehen Welten

Beim Lesen hat man zunächst nur eine Masse an Buchstaben vor sich. Diese müssen im Kopf erst zu einer schlüssigen Erzählung zusammengesetzt werden, und auch die Bilder der Charaktere und Orte entstehen im Kopf. Daher nehmen im Grunde nie zwei Menschen dasselbe Buch auf dieselbe Weise wahr, es gibt immer Unterschiede, selbst wenn es sich nur um Feinheiten handelt. Mir geht es zum Beispiel so, dass ich detaillierte Beschreibungen nicht in Bilder umsetzen kann. Vage Beschreibungen mit wenigen prägnanten Details beflügeln hingegen meine Fantasie. Andere lieben einen hohen Detailreichtum, weil sie dann alles lebhaft vor sich sehen können.

Grundsätzlich bietet das Buch viel Raum für eigene Interpretationen. Das funktioniert in diesem Medium besonders gut, da jeder selbst entscheiden kann, wie schnell oder langsam er liest und an welchen Stellen er wie lange innehalten möchte. Das ist bei anderen Medien nicht der Fall. Sicher kann man, wenn man nicht gerade im Kino ist, auch bei einem Film auf Pause drücken, um das Gesehene noch etwas nachwirken zu lassen, allerdings ist die Erzählweise im Film bewusst darauf ausgerichtet, dass man ihn an einem Stück schaut. 

Comics und Graphic Novels – Die Symbiose aus Bild und Text

Auch wenn der Text in einem Comic oder einer Graphic Novel im Vergleich zu Romanen nur sehr knapp ausfällt, ist er doch ein wichtiger Bestandteil. Der Schwerpunkt liegt dabei in der Regel auf den Dialogen zwischen den Charakteren. Den beschreibenden Teil übernehmen die Zeichnungen. Text und Bild gehen hier also eine Symbiose ein, beide gehören untrennbar zusammen und verstärken einander im besten Fall gegenseitig. Auch hier ist kein Tempo vorgegeben, ich entscheide selbst, wann ich atemlos von Seite zu Seite hasten oder wann ich ein besonders eindringliches Bild auf mich wirken lassen möchte. Das berühmte Sprichwort „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ trifft hier definitiv zu, dennoch gibt es auch immer wieder richtig starke Dialoge. Durch den begrenzten Platz in den Sprechblasen sind diese nicht selten besonders prägnant und inhaltsreich.

Hörbücher und Hörspiele – Das Spiel mit der Stimme

Hier hängt vieles vom Können der Sprecherinnen und Sprecher ab. Natürlich ist vieles subjektiv, etwa welche Stimmlage oder welches Sprechtempo man als angenehm findet. Gefällt mir die Sprechstimme nicht, finde ich keinen Gefallen an einem Hörbuch, egal wie gut die Geschichte ist. Umgekehrt kann aber auch die Art zu erzählen über die eine oder andere Schwäche in der Erzählung hinwegtrösten. Manchen Stimmen würde ich sogar lauschen, wenn sie das Telefonbuch vortragen würden, andere können mir selbst das beste Buch verderben.

Vor allem aber fließt bei einem Hörbuch zwangsläufig auch die Interpretation des Sprechers oder der Sprecherin mit ein. Das gilt ganz besonders für Dialogstellen, an denen im Erzähltext keine bestimmte Tonalität vorgegeben ist. Derselbe Wortlaut kann ganz unterschiedliche Assoziationen auslösen, je nachdem, in welchem Tonfall er gesprochen wird.

Ein gut gesprochenes Hörbuch oder Hörspiel finde ich sehr entspannend, da ich es auch genießen kann, wenn mir die Augen von zu viel Computerarbeit schmerzen. Kenne ich das Buch bereits in gedruckter Form, kann es zudem sein, dass ich manche Stellen nochmals anders wahrnehme als beim Selbstlesen. Das macht es spannend, ein Buch auf zwei verschiedene Weisen zu erleben.

Filme – Die Sprache der Bilder, unterstützt durch Musik

Beim Film brauche ich mir keine eigenen Bilder schaffen, ich habe sie vor mir. Das macht dieses Medium aber mitnichten weniger anspruchsvoll, denn auch im Film gibt es unzuverlässige Erzählstimmen oder Bilder, die einen in die Irre führen wollen. Es gibt Auslassungen und Ablenkungsmanöver, vor allem aber gibt es die schauspielerische Komponente, die einen großen Einfluss darauf hat, ob wir einen Charakter mögen oder nicht oder für wie vertrauenswürdig wir ihn erachten. So fand ich den Ehemann der Protagonistin im Roman „Kindeswohl“ alles andere als sympathisch. Ganz anders im Film: Stanley Tucci hat es mit seiner Interpretation des Ehemannes geschafft, mich zu berühren und meine eigene Wahrnehmung der Figur im Buch zu hinterfragen.

Gute Filme bestechen durch eine starke Bildsprache, hervorragendes Schauspiel, ein tolles Drehbuch, eine fähige Regie und die passende musikalische Untermalung. Dieselbe Szene kann ganz anders wirken, wenn man das Musikstück durch ein anderes ersetzt.

Serien – Viel Raum für umfangreiche Geschichte und Entwicklungen

Filme und Serien sind einander in vielen Dingen ähnlich, es gibt aber einen entscheidenen Unterschied: Die Zeit, die zur Verfügung steht, um eine Geschichte zu erzählen. Selbst eine Miniserie bietet eine deutlich höhere Gesamtlaufzeit als ein längerer Spielfilm (die wenigen Filmwerke von epischer Dauer einmal ausgenommen). Stehen mehrere Staffeln zur Verfügung, gibt es umso mehr Möglichkeiten, eine tiefgehende Charakterentwicklung zu zeigen, ohne dass es zu gehetzt und dadurch unplausibel wirkt.

Manche Serien haben eine fortlaufende Handlung, sodass ein späterer Einstieg kaum möglich ist. Sie erzählen von der ersten bis zur letzten Folge eine durchgehende Geschichte. Gerade bei Miniserien ist das meistens der Fall, denn sie sind von vornherein auf eine bestimmte Folgenzahl hin konzipiert. Andere Serien erzählen in jeder Folge eine abgeschlossene Handlung, wobei es aber meist auch fortlaufende Erzählstränge gibt, die dem Ganzen einen Rahmen geben. Und dann gibt es noch die Anthologieserien: Hier steht entweder jede Staffel oder sogar jede Folge für sich, wobei es ein übergreifendes Thema gibt, das sie alle miteinander verbindet.

Ich mag alle diese Arten von Serien sehr. Steht jede Folge mehr oder weniger für sich, kann ich auch mal zwischendrin reinschalten und dann erst ein paar Wochen später die nächste Folge schauen, bei fortlaufenden Handlungen hingegen habe ich denselben Effekt wie bei einem guten Buch: Ich will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Noch ein Kapitel, noch eine Folge, selbes Spiel.

Spiele – Geschichten miterleben

Ich würde mich zwar nicht als Gamerin bezeichnen, kann einem Computerspiel mit einer guten Handlung aber viel abgewinnen. Wenn ich ein Spiel aussuche, dann meist eines, bei dem die Geschichte interessant klingt und im Vordergrund steht. Daher mag ich besonders Spiele, die eher wie ein interaktiver Film daherkommen. Durch die Illusion der Entscheidungsfreiheit bin ich dabei emotional oft tief im Geschehen. Rational weiß ich natürlich, dass es häufig egal ist, was ich mache, da die Handlung auf ein bestimmtes Ereignis hinausläuft, ich kann nur ab und an über den Weg dorthin bestimmen. Wenn das Spiel gut gemacht ist, vergesse ich das aber und habe für eine Weile wirklich den Eindruck, das Geschehen beeinflussen zu können. Während ich bei Büchern, Filmen oder Serien nie das Gefühl habe, mit dem Protagonisten zu verschmelzen (was anderen Leserinnen und Lesern ja durchaus gelingt, da bin ich etwas eigen 😉 ), kann mir das im Spiel durchaus passieren.

Hauptsache, die Geschichte ist gut

Dann kann mich jedes Medium begeistern. Selbst wenn das nicht so wäre, fände ich es falsch, auf manche Medien oder deren Konsumenten herabzusehen, nur weil ich persönlich damit nichts anfangen kann. Computerspiele haben mich zum Beispiel lange nicht interessiert, ebenso wie Comics, inzwischen liebe ich sie, und zwar aus dem simplen Grund, dass ich entdeckt habe, was für wunderbare Geschichten sie erzählen können, wenn man sich darauf einlässt.