Im Laufe meines nun schon bald 39 Jahre andauernden Lebens habe ich viele Bücher kennengelernt. Den Großteil davon habe ich vergessen, andere haben Spuren hinterlassen und sind mir in Erinnerung geblieben. Und dann gibt es noch jene Bücher, die ich bereits in meiner Kindheit zu lieben lernte und die ich auch jetzt, als Erwachsene, immer wieder zur Hand nehme. Deshalb nenne ich sie „Lebensbegleiter“. Sie waren gefühlt fast schon mein gesamtes Leserinnenleben da und ich bin mir sicher, dass ich sie auch noch lesen werde, wenn ich alt und grau bin und das Buch ganz nah vor die zusammengekniffenen, bebrillten Augen halten muss, um sie zu entziffern – oder ich lasse die Hände in den Schoß sinken und die vertraute Geschichte in meinem Kopf ablaufen.

„Ronja Räubertochter“ von Astrid Lindgren

Auf einer Räuberburg inmitten eines wildromantischen Waldes voller Schönheit und Gefahren wird in einer Gewitternacht die kleine Ronja geboren, Tochter des Räuberhauptmanns Mattis, der vom ersten Tag an ganz vernarrt in sein Kind ist. Kaum dass sie auf der Welt ist, schlägt ein Blitz ein und teilt die Burg in zwei Hälften. Jahre später wird auf der anderen Seite Mattis‘ Erzfeind Borka einziehen, mitsamt Familie, Räuberbande – und seinem Sohn Birk. Trotz der Feinschaft der Familien freunden die beiden sich an, retten sich gegenseitig aus brenzligen Situationen und sehen einander bald als Bruder und Schwester an.


Da es sich hierbei um ein Kinderbuch handelt, wird es hoffentlich niemand als Spoiler betrachten, wenn ich verrate, dass es für die beiden gut ausgeht, anders als für Romeo und Julia, deren Geschichte eine ähnliche Grundkonstellation zugrunde liegt. Während die beiden Liebenden erst sterben müssen, damit die Montagues und Capulets endlich ihren jahrelangen Zwist betragen, gelingt es Ronja und Birk ohne ein derart dramatisches Ende, die beiden verfeindeten Banden zu vereinen.


Das Buch steckt voller Wunder und zauberhafter Geschöpfe. Es gibt niedliche Rumpelwichte, grausam-schöne Wilddruden, Graugnomen, Dunkeltrolle und die Unterirdischen, die bei Nebel versuchen, herumirrende Menschen mit ihrem betörenden Gesang unter die Erde zu locken. Vor allem aber ist es eine Geschichte über eine Freundschaft, die alle Widerstände überwindet. 

„Die unendliche Geschichte“ von Michael  Ende

Dieses Buch war ein Geschenk meiner Patentante und das erste Buch, das ich von Michael Ende gelesen habe. „Momo“ hat mich ebenfalls sehr begeistert, allerdings habe ich es erst einige Zeit später zum ersten Mal gelesen, daher hat es nicht so sehr einen „Lebensbegleiter“-Status wie „Die unendliche Geschichte“. Schon die Aufmachung ist besonders, denn in der Hardcover-Ausgabe, die ich besitze, ist die Schrift in zwei verschiedenen Farben gedruckt, purpurrot für alles, was in unserer Welt spielt und smaragdgrün für die Ereignisse in Phantásien, jenem Reich der Fantasie, in dem die Geschichte spielt, die der Protagonist Bastian Balthasar Bux auf dem Dachboden seiner Schule versteckt zu lesen beginnt, anfangs noch ohne zu merken, dass sie weitaus mehr mit ihm selbst zu tun hat, als er jemals zu träumen gewagt hätte.


Vermutlich ist Bastian einer der Hauptgründe dafür, dass dieses Buch zu einem Lebensbegleiter wurde. Als Kind war ich ihm sehr ähnlich: Ein wenig pummelig, unsportlich und eher unbeliebt. Wie Bastian habe auch ich meine Nase am liebsten in Bücher gesteckt und war eher in mich gekehrt. Daher mochte ich ihn anfangs sehr. Später, als er den auf manche Irrpfade führenden Weg seiner Wünsche bis zur Erkenntnis seines wahren Willens geht, verliert er zwar streckenweise meine Sympathie, aber das gehört zur Entwicklung der Geschichte, die auch aufzeigt, welche Gefahren es mit sich bringen kann, sich zu sehr von seiner Fantasie leiten zu lassen, dass Handlungen Konsequenzen haben und dass nicht jeder Wunsch, der einem spontan in den Sinn kommt, ein guter ist.


Was ich an Michael Ende besonders mag, ist dass er philosophische Themen in seine Erzählungen mit einfließen lässt, ohne sie dabei in den Vordergrund zu rücken, beides fügt sich ineinander ein. Deshalb liest man ein Buch wie „Die unendliche Geschichte“ auch immer wieder anders – mir ging es jedenfalls so. Als Kind war es noch eher eine fantasievolle Abenteuergeschichte für mich, je älter ich wurde, umso mehr habe ich aber beim Lesen innegehalten und über das nachgedacht, das unter der Oberfläche liegt. So ist jedes Lesen dieses Buches ein wenig anders als beim vorigen Mal.

„Sara, die kleine Prinzessin“ von Frances Hodgson Burnett

Auch mit der kleinen Sara verbindet mich die Liebe zu Büchern. Zu Beginn der Handlung ist sie 7 Jahre jung und für ihre Alter außergewöhnlich ernsthaft und belesen, ein wenig so wie ich. Da hören die Gemeinsamkeiten aber bereits auf, denn Sara tut sich im Gegensatz zu mir sehr leicht damit, Freundschaften zu knüpfen. Im Internat von Miss Minchin, in dem sie erzogen werden soll, wendet sie sich vor allem denen zu, die von anderen mit Verachtung behandelt werden. Sara freundet sich mit der pummeligen Ermengarde und dem Dienstmädchen Becky an und übernimmt die Mutterrolle für die kleine Lotti, die zu hysterischen Anfällen neigt, denen die Internatsleiterin und deren Schwester Amelia nichts entgegenzusetzen haben.

Anfangs hat Sara in materieller Hinsicht alles, was sie sich nur wünschen kann. Sie bekommt ein luxuriös ausgestattetes Zimmer, ein eigenes Kindermädchen und pompöse Kleidung, die ihr bald den Spitznamen „Prinzessin“ einbringt. Während ihre neidische Mitschülerin Lavinia diesen in abfälliger Weise verwendet, bezieht Sara ihn weniger auf Prunk und Reichtum, sondern vielmehr auf eine innere Haltung. Sie ist überzeugt davon, dass jedes Mädchen eine Prinzessin sein kann. Den Glauben daran verliert sie auch dann nicht, als ihr Vater sein Vermögen verliert und Miss Minchin, die von Anfang an einen Groll gegen das verwöhnte Mädchen gehegt hatte, ihr nur eine karge Kammer auf dem Dachboden zuweist und sie für ein Kind ihres Alters viel zu hart arbeiten lässt. Aus der Prinzessin ist eine Dienstmagd geworden, die irgendwann so erbärmlich aussieht, dass ein gutmütiger Junge sie für eine Bettlerin hält und ihr eine Münze schenkt.

Was ich an Sara mag, ist dass sie so menschlich ist, und das im doppelten Sinn des Wortes, einerseits weil sie so freundlich denen gegenüber gesinnt ist, denen es schlechter geht als ihr, und zwar auch dann noch, als sie selbst auf ihrem Tiefpunkt angekommen ist, andererseits aber auch, weil sie menschliche Reaktionen zeigt. Es gibt auch Momente, in denen sie ungerecht ist, auch mal gegenüber jemandem, der es gut mit ihr meint. Das ist verständlich, denn niemand kann so viel Leid ertragen und dabei immer nett zu allen sein. Ihre Vorstellungskraft hilft ihr zwar, ihre Situation zu ertragen, aber auch damit gerät sie irgendwann an ihre Grenzen. Alles andere würde sie auch eher wie eine übermenschliche Heldin erscheinen lassen, insbesondere da sie noch ein Kind ist, so bleibt sie ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit vielen Stärken und einem großen Herzen, aber eben auch mit Schwächen.

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Alle drei Bücher habe ich mehrfach gelesen, beinahe jedes Jahr, auch jetzt als Erwachsene noch, daher haben sie die Bezeichnung „Lebensbegleiter“ redlich verdient. Habt ihr auch solche Bücher, die ihr immer wieder lesen könnt, egal wie alt ihr seid? Entdeckt ihr auch manchmal Neues darin, das euch früher so nicht aufgefallen ist oder das ihr aus einer anderen Lebenssituation heraus auf einmal ganz anders versteht? Ich würde mich freuen, darüber in den Kommentaren zu lesen.