Unser Alltag ist mehr von Geschichten geprägt, als vielen vielleicht bewusst ist. Wir erzählen sie uns über uns selbst, über andere und über die Zukunft, und zwar ohne dass irgendjemand etwas davon mitbekommt, denn wir tun es in unserem Kopf. Dabei können die Erzählstimmen sehr unterschiedlich sein, mal wohlwollend, mal überkritisch, das ist von Mensch zu Mensch und auch von Situation zu Situation verschieden.

Glaubenssätze lösen Geschichten aus

In der Psychologie gibt es den Begriff der Glaubenssätze. Sie stellen vereinfacht gesagt verallgemeinernd dar, wie wir die Welt und uns selbst betrachten. Diese grundsätzlichen Annahmen sind sehr prägend. Ein Mensch mit dem Glaubenssatz „Ich bin liebenswert“ wird zum Beispiel im zwischenmenschlichen Umgang ganz anders auftreten als jemand mit einem Glaubenssatz wie „Keiner mag mich.“ Tiefer möchte ich an dieser Stelle gar nicht in das Thema einsteigen, denn hier soll es nicht um psychologische Definitionen gehen. Viel spannender finde ich den Aspekt, dass jeder dieser Glaubenssätze auch den Anstoß für eine Geschichte darstellt, die im Kopf abläuft. Wer mit einer positiven Grundhaltung vor einer neuen Herausforderung steht, wird sich eher ausmalen, wie er diese meistert und danach zufrieden mit sich selbst und seiner Leistung ist. Ein negativ gestimmter Mensch kann hingegen sehr erfinderisch sein, wenn es darum geht, sich eine kleine oder auch große Katastrophe auszumalen. Früher hatte ich zum Beispiel immer, wenn ich mich auf etwas gefreut habe, Angst davor, dass es nicht klappen könnte. Der Zug könnte ausfallen, ich könnte krank werden, die Welt könnte am Vortag von einem Asteroiden getroffen werden und untergehen. Inzwischen ist das anders, ich stelle mir eher vor, wie toll alles wird, und das wird es dann auch. Nebenbei bemerkt war das eigentliche Erlebnis früher aber nicht weniger schön, als es das jetzt ist. Damals war ich glücklich, das doch alles geklappt hat, heute freue ich mich, dass alles mehr oder weniger so schön ist, wie ich es erwartet habe.

Watzlawicks Hammer

In Paul Watzlawicks wunderbarem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ gibt es ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie die Geschichten in unserem Kopf unser Verhalten im Alltag prägen können. Darin will sich ein Mann bei seinem Nachbarn einen Hammer ausleihen. Allerdings kommt er auf dem Weg dorthin ins Grübeln, hängt sich an Kleinigkeiten wie einem nur flüchtigen Gruß auf, stellt sich vor, dass der Nachbar ihm den Hammer vielleicht gar nicht geben möchte und sagt dem Nachbarn schließlich unwirsch, er könne seinen Hammer behalten, ehe er ihn überhaupt danach gefragt hat. Zu einem guten Nachbarschaftsverhältnis dürfte das nicht gerade beitragen. Wahrscheinlich hätte der Nachbar den Hammer bereitwillig herausgerückt, und wer weiß, vielleicht hätte er sogar beim Aufhängen des Bildes geholfen. Das wird der Mann in dieser Geschichte leider nie erfahren, weil er viel zu sehr damit beschäftigt war, sich den denkbar schlechtesten Ausgang der Geschichte auszumalen und dem Nachbarn Gedanken über ihn in den Kopf zu legen, die er vermutlich niemals hatte.

Natürlich ist das Beispiel mit dem Hammer überspitzt. Es kann sich dennoch lohnen, einmal darauf zu achten, welche Geschichten so in unseren Köpfen rumspuken. Es ist nämlich nicht so, dass wir nur Zuhörer sind, wir können die innere Erzählstimme durchaus beeinflussen und lenken. Sicher geht das nicht von jetzt auf gleich, aber mit ein wenig Übung kann man die Geschichte im Kopf in eine bessere Richtung lenken.

Das gleiche Erlebnis, unterschiedliche Geschichten

Angenommen, jemand möchte in den Urlaub fahren. Ein Zug fällt aus, die Zeit bis zur nächsten Bahn verbringt er in einem Café am Bahnhof. Zwei Stunden später als geplant erreicht der den Zielort. Einen Teil der geplanten Aktivitäten muss er auf den nächsten Tag verschieben, für viel mehr als ein Abendessen und einen kleinen Spaziergang reicht die Zeit am Anreisetag nicht mehr.

Über diesen Tag ließen sich ganz unterschiedliche Geschichten erzählen.

Die negative Version:
Erst fällt dieser blöde Zug aus und ich muss die Zeit in so einem blöden Bahnhofscafé verbringen, dann bin ich viel zu spät da und kann den Rest des Tages total vergessen. Jetzt ist mein ganzer Zeitplan durcheinander. Das wird ja ein Urlaub werden, wenn der schon so bescheuert anfängt …

Die positive Version:
Okay, der Zug war zu spät, aber hey, am Bahnhof hatte es immerhin ein nettes Café und es gab dort leckeren Kuchen. Die Verspätung war auch nicht dramatisch. Klar, ich konnte nicht alles machen, was ich mir vorgenommen habe, aber ich habe abends noch gut gegessen und hatte immerhin noch Zeit für einen schönen Spaziergang, um einen ersten Eindruck von der Stadt zu gewinnen. Der Tag verlief nicht ganz wie geplant, er war nicht perfekt, aber er war trotzdem schön.

Das Erlebnis ist in beiden Fällen das gleiche, die Bewertung ist aber jeweils eine andere. Den ersten Impuls kann man dabei nicht immer steuern. Jeder hat es sicher schon einmal erlebt, dass er sich schnell über etwas geärgert hat, obwohl er das nicht wollte. Was wir jedoch in der Hand haben, ist zu entscheiden, ob wir zulassen, dass diese spontane emotionale Reaktion die Tonalität der kompletten weiteren Geschichte bestimmt. Man kann sich dem Ärger hingeben und wird dann sicher an jeder Ecke Material finden, um ihn weiter zu befeuern. Da war ja noch dieses kreischende Kind im Zug, dieses nervige Handygespräch, die Klimaanlage war auf Eiszeit gestellt und die Zugbegleiter waren auch schon mal netter … Oder man entscheidet sich dafür, das Beste aus der Situation zu machen. Vielleicht hat das Café sogar einen schönen Außentisch und beim Spaziergang macht man eine Entdeckung, die einem entgangen wäre, wenn man sich an das geplante Programm gehalten hätte.

Unser innerer Erzähler begleitet uns Tag für Tag bei allem, was wir tun, mal mehr, mal weniger präsent. Wir sollten versuchen, ihn auf unsere Seite zu ziehen, damit er eine Geschichte über uns und unser Leben erzählt, mit der es uns gutgeht.